
Das Frauen- und Genderforschungszentrum der Hessischen Fachhochschulen (gffz) hatte am 16.04.2008 zur Fachtagung „Pflegende und sorgende Frauen und Männer“ – Aspekte einer künftigen Pflege im Spannungsfeld von Privatheit und Professionalität“ in die Fachhochschule Frankfurt am Main eingeladen. Die Idee zur Tagung war im Forschungsverbund "Pflegende im Mittelpunkt" entstanden, der sich vor einiger Zeit unter dem Dach des gFFZ entwickelt hat und an dem eine Reihe von Professorinnen und Professoren, die zum Pflegethema forschen, beteiligt sind. Kooperationspartnerinnen der Veranstaltung waren die Hessische Landeszentrale für politische Bildung und das Cornelia-Goethe-Centrum der Universität Frankfurt – drei Einrichtungen, die seit einigen Jahren erfolgreich kooperieren und eine Reihe von öffentlichen Tagungen zu sozialpolitischen Themen organisiert haben. Ziel dieser Veranstaltungen ist der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis: wissenschaftliche Fragestellungen und Erkenntnisse sollen einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht und mit PraktikerInnen diskutiert werden, gleichzeitig entstehen so Impulse für weitere Forschungen.
Die Rede vom demografischen Wandel und der alternden Gesellschaft ist mittlerweile allgegenwärtig. Dass die Lebenserwartung stetig steigt und sich das Zahlenverhältnis der Altersgruppen dramatisch verschiebt, ist in den letzten Jahren zunehmend mehr in den öffentlichen Fokus geraten. Diese Umbrüche konfrontieren mit zahlreichen offenen sozialpolitischen Fragen. Dazu gehört auch die Frage, wie die erforderlichen Care-Leistungen zu erbringen sind, die Menschen im Alter benötigen. Auch wenn sich die Gesundheitssituation alter Menschen im Generationenvergleich grundsätzlich verbessert hat und der medizinische Fortschritt die Illusion lebenslanger Gesundheit und Selbstständigkeit erzeugen mag, kommt doch irgendwann bei den meisten Menschen der Zeitpunkt, wo Krankheiten und nachlassende Kräfte Hilfen erforderlich machen. Eine demokratische Gesellschaft muss sich dieser Realität menschlicher Angewiesenheit offensiv stellen. Es ist nicht nur zu klären, wie von wem unter welchen Bedingungen diese Hilfen derzeit geleistet werden, sondern auch, wie man sich dies in der Zukunft für eine gerechte und humane Gesellschaft wünscht.
Wie sind die Pflege und die Sorge für hilfsbedürftige Menschen zwischen beruflich und privat Pflegenden verteilt? Wo brauchen die Menschen, die ihre Freunde oder Angehörige pflegen, gezielte Unterstützung? Was kann die private häusliche Pflege leisten und wo sind ihre Grenzen? Welche Auswirkungen hat dies alles auf Berufsbild und Selbstverständnis der ausgebildeten Pflegekräfte? Welche Konzepte sind erforderlich, um die private und die professionelle Pflege besser zu verzahnen?
Angesichts der Tatsache, dass Pflegetätigkeit bislang vor allem eher als weibliche Aufgabe definiert war und viele Pflegesituationen eine Hausfrauen-Existenz voraussetzten, stellt sich zudem die Frage, welche Folgen die Umbrüche im Geschlechterverhältnis für die häusliche Pflege haben. Ist am Ende niemand mehr bereit, Angehörige zu pflegen oder kommt es zu einer Neuverteilung dieser Arbeit zwischen den Geschlechtern? Ist die moderne Arbeitswelt überhaupt darauf eingestellt, eine Vereinbarkeit zwischen Beruf und Pflegetätigkeiten zu ermöglichen? Wie können Menschen, denen der Arbeitsmarkt Mobilität und Flexibilität abfordert, sich überhaupt noch um andere hilfebedürftige Menschen kümmern? Gänzlich übergangen wird zudem die Realität der Migrantinnen, die längst in großer Zahl und in ungesicherten Arbeitsverhältnissen private häusliche Pflege leisten und preisgünstig, verlässlich und kompetent eine drängende Versorgungslücke schließen.
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| Prof. Dr. Margrit Brückner (FH Frankfurt am Main) eröffnet die Tagung für das gFFZ | PD Dr. U/lla Wischermann (CGC), Prof. Dr. Lotte Rose (gFFZ) und Mechtild M. Jansen (HLZ) |
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| Prof. Dr. Katharina Groening (Universität Bielefeld) | Prof. Dr. Manfred Langehennig (FH Frankfurt am Main) |
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| Prof. Dr. Heike Dech (Alice-Salomon-Hochschule Berlin) | Prof. Dr. Ulrike Höhmann (EFH Darmstadt) |
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| Dreharbeiten des Hessischen Fernsehens (hr 3) für das Hessenjournal während der Tagung. | Prof. Dr. Helma Lutz (Universität Frankfurt, CGC) |
Die Tagung ging all diesen Fragen nach. Sie war als interdisziplinäres Fachforum konzipiert, das Pflegewissenschaften, Gesundheitswissenschaften, Sozialwissenschaften und Frauen- und Männerforschung zusammenführte. Prof. Dr. Katharina Gröning von der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld widmete sich in einem Übersichtsvortrag den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter den häusliche Pflege geleistet wird und den besonderen Problemen und Motivlagen von Frauen, die Angehörige pflegen. Prof. Dr. Manfred Langehennig von der Fachhochschule Frankfurt am Main stellte erste Ergebnisse seiner qualitativen Forschung zu pflegenden Männern vor – eine Gruppe, die bislang von der deutschsprachigen Forschung kaum beachtet worden ist. Mit den besonderen Problemlagen bei der häuslichen Pflege von demenzkranken Angehörigen beschäftigte sich Prof. Dr. Heike Dech von der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, auch sie präsentierte eigene Forschungsergebnisse. Prof. Dr. Ulrike Höhmann von der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt umriss die zukünftigen Entwicklungsherausforderungen für die professionelle Pflege und das Berufsbild derer, die an einer deutschen Fachhochschule Pflegewissenschaft studiert haben. Der kritischen Situation der Arbeitsmigrantinnen auf dem „privaten“ Pflegemarkt widmete sich schließlich Prof. Dr. Helma Lutz vom Cornelia Goethe Centrum der Universität Frankfurt am Main.
Mehrere der ReferentInnen vertraten die These, dass insbesondere der kompetenten Beratung von Angehörigen künftig steigende Bedeutung zukommt, dass hierfür aber noch Beratungskonzepte entwickelt werden müssen, die weit mehr umfassen als die bloße Vermittlung pflegerische Handgriffe und pflegerischer Fachkenntnisse. So kann beispielsweise die Information zu verschiedenen Formen von Demenz, den damit verbundenen Verhaltensänderungen und ihren jeweiligen psychischen Ausprägungen entlastend für die Angehörigen sein, die unter diesen Verhaltensänderungen ganz besonders leiden.
Fast alle Referenten traten auch der Auffassung entgegen, dass im Zuge sich verändernder Familienformen und größerer Mobilität die Bereitschaft abnähme, Angehörige zu pflegen, ja dass von einer Auflösung traditioneller Familien-, Bindungs- und Versorgungsstrukturen die Rede sein könnte. Nach wie vor ist die Anzahl pflegender Angehöriger sehr hoch und die Zahl der in Pflegeheimen untergebrachten Personen relativ niedrig. Viele Angehörige – darunter auch zunehmend mehr Männer – nehmen eine Pflegetätigkeit trotz der damit verbundenen Belastungen bewusst auf sich und definieren dies für sich durchaus als positiv besetzte, sinnhafte Tätigkeit.
Die Tagung endete mit einem offenen Round-Table-Gespräch zur Forschungssituation zum Pflege-Thema, moderiert von Prof. Dr. Margit Brückner von der FH Frankfurt am Main. Es bot die Möglichkeit, sich in kleinerem kollegialem Kreis mit den eigenen Forschungsschwerpunkten näher kennen zu lernen, gemeinsame Fragen zu umreißen und erste Kontakte zu knüpfen, aus denen möglicherweise spätere Arbeitskooperationen entstehen können. Die Tatsache, dass zahlreiche junge NachwuchswissenschaftlerInnen von Universitäten sich an diesem Forum beteiligten, zeigte erneut die Notwendigkeit der engeren Verzahnung zwischen Fachhochschulforschung und universitärer Forschung, aber auch das Dilemma einer Fachhochschulforschung ohne „Mittelbau“. Das gFFZ wird daher auch in Zukunft weitere Anstrengungen unternehmen, Forscherinnen und Forscher, die an ähnlichen Themen arbeiten, zusammenzubringen, Kontakte zu anderen Hochschulen und Universitäten zu intensivieren und zu vertiefen und die Idee und Entstehung von Forschungsverbünden zu unterstützen. Schon jetzt besteht eine der wichtigsten Aufgaben des gFFZ darin, geeignete wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an Professorinnen und Professoren der Fachhochschulen für Forschungsprojekte zu vermitteln. So wurde nun im Zuge des Round-Table-Gespräches eine Adressliste der Beteiligten erstellt, die in eine Mailingliste umgewandelt werden soll, so dass zumindest schon einmal sichergestellt ist, dass sich die Beteiligten über aktuelle Veranstaltungen und Projekte gegenseitig informieren können.
Dass das Thema der Tagung einen „Nerv der Zeit“ traf, bewies das rege öffentliche Interesse, das sie fand. Über 80 Frauen und Männer aus Wissenschaft, Kommunen, Pflegeeinrichtungen, Bildung, Politik und bürgerschaftlichen Einrichtungen, aber auch Privatpersonen waren gekommen, um die Herausforderungen einer zukunftsfähigen Pflegekultur zu bestimmen und zu diskutieren. Auch das Hessenfernsehen war vor Ort: noch am selben Abend wurden im „hessenjournal“ in hr 3 in einem Beitrag Bilder der Tagung und Interviewpassagen mit Prof. Dr. Brückner und Prof. Dr. Gröning gezeigt und die Veranstaltung zum Anlass genommen, auf die Möglichkeiten künftiger Verzahnung von privater und professioneller Pflege hinzuweisen.
Eine Veröffentlichung der Beiträge ist in Vorbereitung.