
Die Gewinnerin des Henriette-Fürth-Preises 2007 ist Heike Beck von der Fachhochschule Frankfurt, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, mit ihrer Arbeit "Alles Gender - oder was?! Geschlechtsbewusste Arbeit in der außerschulischen Jugendbildung". Betreut wurde die Arbeit von den Professsorinnen Dr. Ulrike Schmauch und Dr. Wiebke Wüstenberg. (Die Diplomarbeit von Heike Beck können Sie hier als PDF-Datei downloaden.)
Damit ging der Preis, der zum vierten Mal verliehen wurde, zum zweiten Mal an eine Absolventin der Fachhochschule Frankfurt, nachdem zuvor zweimal Arbeiten von der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt prämiert worden waren.
Heike Beck überzeugte die Jury besonders damit, dass sie die eigenen Praxiserfahrungen aus der geschlechtsbewussten Jugendbildung kritisch in den Blick nahm und der Frage nachging, wie die Top-down-Strategie des Gender Mainstreaming durch eine Bottom-up-Strategie einer geschlechtsbewussten Pädagogik praktisch realisiert werden kann.
Die feierliche Preisverleihung fand am 28.06.07 im Lesesaal der Bibliothek der Fachhochschule Frankfurt am Main statt. Den einleitenden Worten der Leiterin der Jury, Prof. Dr. Monika Bösel von der Hochschule Darmstadt und der Geschäftsführerin des gFFZ, Prof. Dr. Lotte Rose von Fachhochschule Frankfurt am Main folgte ein Grußwort der Vizepräsidentin der Fachhochschule Frankfurt am Main, Prof. Dr. Andrea Ruppert.Dr. Reinhild Schäfer vom Deutschen Jugendinstitut in München, Expertin für Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe, würdigte anschließend in ihrer Laudatio die wissenschaftliche Leistung der Autorin. Sie hob vor allem die Fallstudie eines Fortbildungsseminars zu Geschlechterverhältnissen hervor, mit der die Autorin eine in der geschlechterpädagogischen Fachliteratur bislang einmalige detaillierte Dokumentation und kritische Analyse einer genderbezogenen Bildungsmaßnahme vorgelegt hat, die die geschlechterpädagogische Fachdebatte bereichert – und damit letztlich auch die Auseinandersetzungen zur Implementierung von Gender als Wissenskategorie hochschulischer Lehr-Curricula.
Als konzeptionell neuralgischer Punkt kristallisiert sich in der Studie die Erfahrung heraus, dass die Teilnehmenden des Seminars am Thema der geschlechterbezogenen Ungleichheiten kaum interessiert sind, dass also das Thema offensichtlich keine große biografische Relevanz für die Jugendlichen hat, obwohl die Ungleichheiten als gesellschaftsstruktureller Fakt doch empirisch außer Frage stehen und allerorts sichtbar sind, also die jugendlichen Lebenswelten ganz direkt betreffen. Erst vor kurzem konnte ein beim Deutschen Jugendinstitut erstellter kommentierter Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland eine gewisse Stabilität tradierter geschlechtsspezifischer Entscheidungs- und Bewältigungsmuster und fortgesetzte geschlechtliche Disparitäten der Lebenslagen von männlichen und weiblichen Jugendlichen feststellen. Es zeigt sich zum Beispiel, dass der Einstieg für junge Frauen in den Beruf sich häufig schwieriger gestaltet als für junge Männer. Dies verweist auf geschlechterpädagogischen und geschlechterpolitischen Handlungsbedarf.
Heike Beck weiß um das Phänomen des jugendlichen Desinteresses am Thema der Geschlechtergleichstellung, erliegt aber dennoch nicht dem voreiligen Schluss: Wenn das Thema die Jugendlichen nicht interessiert, dann bieten wir es als Seminarthema einfach nicht mehr an! Sie plädiert jedoch dafür, entsprechende Seminarangebote konsequenter von den Subjekten, also von den Adressatinnen und Adressaten der Angebote aus zu entwickeln. Wenn es so ist, dass die Zielgruppen der Jugendbildung ihre Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechterungleichheiten - in den gängigen Seminar-Settings - nicht thematisieren wollen und vielleicht auch können, sind die Anstrengungen verstärkt darauf zu richten, wie diese Widerstände und Tabus ernst zu nehmen sind, ohne sie selbst in der Fortbildungspraxis zu reproduzieren. Wie dies praktisch aussehen kann, ist jedoch noch eine offene methodisch-didaktische Herausforderung für die Zukunft.
Im Anschluss an die Preisverleihung fand eine kleiner Umtrunk in den Räumen der Fachhochschule statt.
Neben der Arbeit der Preisträgerin wurden noch andere, sehr gute Arbeiten von verschiedenen HochschulprofessorInnen eingereicht, die die Vielfalt der Themen deutlich machen.
Hier eine Auswahl:
Rainer Grimm: "Sozialisationsbedingungen in Ein-Eltern-Familien im historischen Vergleich (ledige Mütter, Kriegswitwen, Geschiedene)"
Referentin: Prof. Dr. Almut Zwengel, FH Fulda, Koreferentin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, FH Fulda, FB Sozialwesen
Anja Bierwirth: "Die sozialen Problemlagen von Frauen in Indien und Hilfeansätze am Beispiel von Selbsthilfegruppen in Tamil Nadu"
Referentin: Prof. Dr. Margrit Brückner, FH Frankfurt am Main, Koreferentin: Dr. Christa Oppenheimer, FH Frankfurt am Main, FB 4, Soziale Arbeit und Gesundheit
Nina Berger: "Die Relevanz der geschlechtsspezifischen Jugendarbeit mit der Zielgruppe Mädchen mit Migrationshintergrund"
Referent: Prof. Dr.Franz Josef Röll, Hochschule Darmstadt, Koreferentin: Prof. Dr. Lisa Niederreiter, Hochschule Darmstadt, FB Sozialpädagogik (jetzt FB Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit)
Bettina Ertl: "Die sozialen Folgen der Aids-Epidemie in Afrika am Beispiel von Namibia"
Referentin: Prof. Dr.Gerda Nüberlin, FH Wiesbaden, Koreferent: Prof. Dr. Wolfgang Fricke, FH Wiesbaden, FB Sozialwesen