Wer war Henriette Fürth?

Henriette Fürth (14.08.1861-01.06.1938), in Gießen als Tochter jüdischer Eltern geboren, lebte in Darmstadt und Frankfurt und hat sich einen Namen gemacht als Publizistin, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin. Nicht nur ihr sozialpolitisches Engagement war vielfältig (sie war unter anderem im Bund für Mutterschutz, in der "Centrale für private Fürsorge", in der Rechtschutzbewegung und in der SPD tätig und eine der ersten Frauen im Frankfurter Stadtparlament), auch ihre wissenschaftlichen Arbeiten brachten ihr große Anerkennung ein, so dass sie als erstes weibliches Mitglied in die Deutsche Gesellschaft für Soziologie aufgenommen wurde. Als Autodidaktin und Mutter von acht Kindern, als Jüdin, die Zeit ihres Lebens gegen den Antisemitismus kämpfte, hat sie selbst vielfältige Erfahrungen mit gesellschaftlicher Diskriminierung machen müssen, die in ihre Arbeit und ihr Engagement mit eingeflossen sind.

Die Historikerin Christina Klausmann schrieb zu ihr:

"Da sie weder religiösen noch politischen Dogmen folgte, noch sich kritiklos ein- und unterordnete, geriet sie mitunter auch innerhalb der jeweiligen Gruppe in die Position der Außenseiterin: Sie war den konservativen Juden nicht jüdisch genug, den Proletarierinnen zu bürgerlich frauenrechtlerisch, den Bürgerlichen zu sozialistisch. Andererseits ermöglichte ihr diese Randständigkeit, Gruppen- und Klassengrenzen zu überwinden und zu vermitteln. Sie war in der bürgerlichen wie in der proletarischen Frauenbewegung als Expertin für sozial-politische Themen ebenso geschätzt wie in den Kreisen bürgerlicher Sozialreformer, und sie meldete sich in fast allen wichtigen Debatten wie Frauenerwerbsarbeit, Arbeiterinnen- und Mutterschutz, Reform der sexuellen Ethik, Prostitution, Bevölkerungspolitik zu Wort."

Uns erschien Henriette Fürth aufgrund der Vielfältigkeit der von ihr publizistisch und wissenschaftlich bearbeiteten Themen, die viele Fachgebiete abdecken oder berühren, die an den Fachhochschulen vertreten sind, aber auch aufgrund ihres emanzipatorischen Engagements und ihres ungewöhnlichen Lebenslaufs, in dem sich bis heute aktuelle Probleme von Frauen widerspiegeln, als geeignete Namensgeberin für unseren Preis.

In jüngster Zeit ist Henriette Fürth als Pionierin der Soziologie und der anwendungsorientierten Forschung wiederentdeckt worden. Der Jubiläumskongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der vom 11.-15.10.2010 in Frankfurt am Main stattgefunden hat, widmete ihr als einer der Mitbegründerinnen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die auch an dem ersten Kongress 1910 in Frankfurt am Main teilgenommen hat, eine Ad-Hoc-Gruppe. Ein „Forschungsprojekt zur Biographie der deutsch-jüdischen Frauenrechtlerin, Soziologin und Sozialpolitikerin Henriette Fürth (1861-1938)“ unter der Projektleitung von Prof. Dr. Ursula Apitzsch und Prof. Dr. Gerhard Wagner hat eine Publikation hervorgebracht, die 2010 erschienen ist:

"Henriette Fürth. Streifzüge durch das Land eines Lebens. Autobiographie einer deutsch-jüdischen Soziologin, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin (1861-1938)" Hg. Von Monika Graulich, Claudius Härpfer und Gerhard Wagner in Kooperation mit Ursula Apitzsch und Darja Klingenberg. Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXV, ISBN 978-3-921434-30-7, 39 Euro