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TitelDrogentherapie mit und ohne Kinder. Die Sicht der Befragten auf ihre Kinder, ihre Familien, ihre sozialen Netzwerke und die Behandlungssettings
Name der ForscherInnenProf. Dr. Irmgard Vogt
Institution, an der die Forschung durchgeführt wurde (Fachhochschule, Fachbereich)Institut für Suchtforschung Frankfurt
KooperationspartnerTherapiedorf Villa Lilly und andere Einrichtungen; Verein Jugendberatung und Jugendhilfe e.V., Hauptsitz Frankfurt am Main
MitarbeiterInnenDipl. Soz. Arb. Juliana Fritz; Dipl. Soz. Arb. Nina Kuplewatzky
KurzbeschreibungEmpirische Studie zur subjektiven Befindlichkeit von Müttern und Vätern, die an einer stationären Drogentherapie teilnehmen, und von denen die Hälfte ihre Kinder in die Behandlung mitgenommen hat, die andere Hälfte diese nicht mitgenommen hat. Durchgeführt wurden 19 qualitative Interviews mit Frauen und Männern, die aktuell allein oder mit ihren Kindern in der Behandlung waren bzw. diese vor einigen Jahren abgeschlossen haben. An das qualitative Interview war ein kurzer Fragebogen angeschlossen zur Erhebung demographischer Variablen und einiger anderer Daten zur Partnerschaft und zu den Kindern. Die Interviews wurden transskribiert und nach inhaltsanalytischen Verfahren ausgewertet.

Die vorläufige Auswertung der Interviews zeigt, dass Mütter und Väter, die ihre Kinder mit in die Behandlung bringen, starke ambivalente Gefühle gegenüber ihren Kindern haben. Einerseits sind sie stolz auf ihre Kinder, andererseits erleben sie diese auch als Belastung. Bei den Müttern deuten sich die Ambivalenzen schon in der Schwangerschaft an. Die Mehrzahl der Mütter haben sich die Kinder nicht gewünscht. Die Mütter sind sich bewusst, dass ihr Drogenkonsum mit manchen Schwierigkeiten im Verhalten und in der Schule, die ihre Kinder heute haben, zusammenhängt. Besonders deutlich formulieren das Mütter, die früher zusammen mit ihren Kindern eine Drogentherapie gemacht haben.

Väter unterscheiden sich in vieler Hinsicht von den Müttern. Sie sprechen kaum vom Drogenkonsum ihrer Frau/Freundin während der Schwangerschaft, wohl aber von drogenbezogenen Schwierigkeiten bei der Geburt. Sie sprechen selten oder gar nicht von ihrem eigenen Drogenkonsum in der Zeit der Schwangerschaft oder in den folgenden Jahren. Väter scheinen wenige bis keine Zusammenhänge zu sehen zwischen ihrem eigenen Drogenkonsum und Schwierigkeiten im Verhalten ihrer Kinder. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich deutlich von den Müttern.

Geht es um das Erziehungsverhalten, zeigt sich, dass Mütter und Väter Probleme damit haben, Regeln aufzustellen und Grenzen zu setzen und durchzuhalten. Mütter und Väter, die mit ihren Kindern in der Behandlung sind, haben hier klare Vorteile. Sie erhalten dort Rückmeldungen zu ihrem Verhalten und ihrem Umgang mit dem Kind. Das kommt nicht immer gut bei den Eltern an, hilft aber dennoch bei der Korrektur der Selbstwahrnehmung. Dazu kommt die Unterstützung durch MitpatientInnen und professionelle BehandlerInnen, die insgesamt genommen positiv gewertet wird. Allerdings klagen diese Mütter und Väter auch darüber, dass das Setting ihnen sehr viel abverlangt. Mütter, die früher mit ihrem Kind in der Behandlung waren, beschreiben zudem Behandlungserfolge. Dazu gehören Freundschaften, die sich während der Behandlung angebahnt haben und die bis heute anhalten und sich als hilfreich erwiesen haben. Diese Mütter sagen auch, dass sie in der Therapie gelernt haben, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen, um kritische Situationen frühzeitig zu entschärfen. Insgesamt ergibt sich, dass für die Mütter und Väter, die sich um eine Behandlung zusammen mit dem Kind bemühen, diese Behandlungsform sehr viele Chancen bietet. Im Vergleich dazu haben die kritischen Anmerkungen, die sich vor allem auf das Haus, die Ausstattung und die Hausordnung beziehen, wenig Gewicht.

Mütter und Väter, die ohne Kind in der Behandlung sind, profitieren auch von dieser; es ist aber weniger klar, wie sich das auf die Eltern-Kind-Beziehung und auf die Kinder auswirkt. Mütter, die ohne Kind in der Behandlung sind, sagen, dass sie diese vermissen und sie gerne bei sich haben wollen. Besonders stark werden diese Gefühle, wenn sie mit den Kindern telefonieren oder wenn sie andere Frauen auf dem Gelände zusammen mit ihren Kindern sehen. Möglicherweise sind diese Klagen aber auch Reaktionen auf sozialen Druck bzw. auf soziale Erwartungen nach dem Motto: Müttern müssen ihre Kinder vermissen, wenn sie ohne diese eine Therapie machen. Väter stehen weniger unter diesem sozialen Druck, sie sagen daher auch seltener, dass sie ihre Kinder vermissen (von denen ohnehin die meisten nicht dauerhaft bei ihnen leben). Diese Väter haben jedoch eher Konflikte mit Mitpatienten und gelegentlich auch Schwierigkeiten mit den professionellen BehandlerInnen, weil sie Regeln nicht einhalten. Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass sie eher unklare Vorstellungen über ihre Vaterrolle haben und zum Teil auch sehr ambivalente Gefühle gegenüber ihren Kindern.

Alle Mütter und viele Väter haben auch Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern, sie können aber nicht darüber sprechen. Die Schuldgefühle werden indirekt mitgeteilt als Erzählungen über problematischen Umgang mit dem Kind in früheren Lebensphasen usw. Auch in den Berichten über Interventionen des Jugendamtes oder über die Qualität der Pflegeeltern spiegeln sich indirekt Schuldgefühle. Etliche Mütter, die ohne Kind ihre Therapie antreten (müssen), tun das vor allem deswegen, weil sie hoffen, dass dieses danach wieder zu ihnen zurückkommt. Ob das funktioniert, hängt von vielen Faktoren ab; die Erfolgsraten sind jedenfalls nicht so hoch wie die Hoffnungen der Mütter während der Therapie.

Finanzierung, FördermittelHessisches Ministerium für Kunst und Wissenschaft, Wiesbaden: 43.501,51 EUR
Laufzeit 01. 10. 2007 – 31. 12. 2008
Veröffentlichungen im Zusammenhang mit diesem ForschungsprojektBuchpublikation in Vorbereitung, voraussichtliches Erscheinungsdatum: 2012
KontaktProf. Dr. Irmard Vogt
Institut für Suchtforschung (ISFF)
Frankfurt University of Applied Sciences
Fb Soziale Arbeit und Gesundheit
Nibelungenplatz 1
D-60318 Frankfurt
vogt@fb4.fra-uas.de