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TitelGeburtshilfereformen in der Risikogesellschaft
Name der ForscherInnenProf. Dr. Lotte Rose
Institution, an der die Forschung durchgeführt wurde (Fachhochschule, Fachbereich)Frankfurt University of Applied Sciences, Fb 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
KooperationspartnerDr. Ina Schmied-Knittel Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) Freiburg
Stichworte Geburtshilfe, Medizin, Gesundheit
Kurzbeschreibung

Wie, wann, wo und mit wem Frauen Kinder auf die Welt bringen, ist keineswegs eine natürliche Sache, sondern Gegenstand von umfassenden normativen Regulierungen. Nach den Medikalisierungen der Geburtshilfe im 18. Jahrhundert formierte sich seit den 1970er Jahren verstärkt eine kritische Gegenbewegung, die auf eine de-medikalisierte‚ natürliche und sanfte Geburt abzielt. Zentrale Protagonistin ist die feministische Frauengesundheitsbewegung. Selbstbestimmung der Gebärenden, Aufwertung der Hebammenkünste, Wiederbelebungen vergangener Geburtspraxen, natürlich-traditionelle Behandlungsformen, Hausgeburten, Geburtshäuser, Beteiligung der Väter am Schwangerschafts- und Geburtsgeschehen, Rooming-In auf den Wöchnerinnen-Stationen werden propagiert. Diese Reformen reihen sich insofern passgenau in die allgemeinen Individualisierungsentwicklungen der Risikogesellschaft ein, da die Gebärende nachdrücklich als autonomes Subjekt eingesetzt wird, die das Geburtsgeschehen selbst individuell bestimmen soll und muss. Gleichwohl wirken diese kulturellen Freisetzungen unter der Hand wiederum als weibliche Individualisierungsbarrieren, indem sie der werdenden Mutter ein hohes Maß an Verantwortung, umfangreiche Arbeitsaufgaben und eine exklusive Position im Kontext der Natalität und Säuglingsfürsorge zuweisen. Indem Mütter – und zunehmend auch Väter – die Geburt ihres Kindes als ihre eigene Aufgabe verantwortungsvoll annehmen, sichern sie zugleich seine Vergesellschaftung ab. Die Einarbeitung in die Wissens- und Bildbestände zum Gebären, die Suche nach Expertise, die aktive Beteiligung an den Diskursproduktionen, die eigene engagierte Arbeit an der beglückenden und guten Geburt; dies alles transportiert – sozusagen hinter dem Rücken der Akteure – weit reichende Normierungsvorgänge.

Auf der Grundlage der explorativen Untersuchung von publizierten Erfahrungsberichten von jungen Müttern, Ratgeberliteratur und Informationsforen zur Entbindung wurden die paradoxen Folgen der Geburtshilfereformen rekonstruiert.

Laufzeit2010
KontaktProf . Dr. Lotte Rose
Frankfurt University of Applied Sciences
Fb 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
Nibelungenplatz 1
D-60318 Frankfurt am Main
rose@fb4.fra-uas.de