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TitelJugendliche Genderinszenierungen als Bildungsgelegenheiten in der Jugendarbeit
Namen der ForscherInnenProf. Dr. Lotte Rose, Marc Schulz, Susanne Schmidt, Mareike Fischer, Kirsten Kullmann
Institution, an der die Forschung durchgeführt wurde (Fachhochschule, Fachbereich)Frankfurt University of Applied Sciences, Fb 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
KooperationspartnerProf. Dr. Burkhard Müller, Prof. Dr. Wolfgang Schroer (Universität Hildesheim)
StichworteKinder- und Jugendarbeit, Mädchen- und Jungenarbeit, Gender Mainstreaming, Bildung
KurzbeschreibungDie Genderfachdebatte in der Jugendarbeit (wie im Prinzip auch in der Sozialen Arbeit) ist bislang auf die Frage der geschlechtshomogenen Praxis fokussiert. Genderqualität wird gedacht als ein durch Fachkräfte initiiertes und methodisch-didaktisch spezifisch gesteuertes Praxisangebot. Übergangen wird dabei Gender als situatives Thema der alltäglichen beruflichen Interaktionen und als jugendliches Inszenierungs- und Interaktionsthema.
Jugendarbeit ist als eine soziale Bühne zu begreifen, auf der Gender als soziale Differenz von Jugendlichen inszeniert und bearbeitet wird. Diese Prozesse sind als Selbstbildungsprozesse zu begreifen, bei denen Peers, aber auch Fachkräfte als „Publikum” bedeutungsvolle Co-Akteure darstellen. Vor diesem Hintergrund verweist genderbezogene Jugendarbeit auf ein bislang vernachlässigtes Qualitätsmerkmal:
Die Fähigkeit des Personals, sich als anerkennend-kritischer „Resonanzkörper” für die Choreografien jugendlicher Genderkonstruktionen zur Verfügung zu stellen. Genderqualität wird damit auch zu einer Frage „responsiver” Qualität (gut reagieren statt gut initiieren): Wie, wann, warum thematisieren Jugendliche Gender? Was „machen” die Fachkräfte damit – mit welchen Folgen?

Forschungsansatz:
Ethnografische Feldforschung (teilnehmende Beobachtungen in drei ausgewählten Jugendhäusern), Erhebung ist im Frühjahr 2006 abgeschlossen worden.

Forschungsergebnisse:
• Genderinszenierungen sind nicht gebunden an geschlechtsheterogene Konstellationen.

• Genderinszenierungen enthalten vielfach sexuelle Anspielungen, sind aber keineswegs identisch mit Sexualitätsthematisierungen.

• Genderinszenierungen werden durch soziale Orte „präjustiert”, d. h. in den Orten sind Inszenierungsthemen und -choreografien
bereits angelegt und nahegelegt. Ähnliches gilt im Prinzip für spezifische Gegenstände.

• Soziale Situationen enthalten sowohl Gender-Thematisierungen wie Gender-De-Thematisierungen.

• Die Genderinszenierungen stellen oftmals nur eine Bühne neben anderen dar zwischen denen hin- und hergependelt wird
(Soziales „Switchen”).

• Genderinszenierungen bearbeiten immer andere soziale Themen mit (z. B. Inszenierung von „Ereignissen”, körperliche Expres -
sivität, Vergemeinschaftung und Abgrenzung, Integrationsbemühungen, Initiationsakte, Belastungsprobe für Beziehungen,
normativer Grenztest, Begehren initiieren, biografische Selbsttransformationen, narzisstische Selbstbesetzung).

• Es lassen sich Ansätze zu einer Typologie der „pädagogischen Antworten” ausmachen:
- Jugendschützerische Mahnungen
-  De-Thematisierung
-  Unterschiedsloses „Mitspielen”: Fachkräfte spielen in der jugendlichen Inszenierung als „Gleiche” mit.
-  Normierungen
-  Eröffnen von Rahmenwechseln
-  Keine Antwort

Anregungen für die Praxisdebatte:
Eine gelungene pädagogische Interaktion hängt davon ab, inwieweit das, was von den Jugendlichen verbal und habituell mitgeteilt, auch im Sinne der „Sender” von den Fachkräften dechiffriert und beantwortet wird. Genderkompetenz würde demnach bedeuten, auch von genderbezogenen Situationsdeutungen Abstand nehmen zu können (Paradoxie: De-Gendering von Situationsdeutungen).
Die Deutungsleistungen der Fachkräfte zu sozialen Botschaften müssen multiperspektivisch sein, um die Wahrscheinlichkeit zu vergrößern, dass sie richtig verstanden und richtig beantwortet werden. Je stärker die Deutungen von Genderinszenierungen auf Gender fixiert sind, desto größer ist das Risiko des Missverständnisses und desto enger sind die Handlungsspielräume.
Finanzierung, FördermittelHessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK), Forschungsschwerpunkt 'Genderforschung und Gleichstellung der Geschlechter', Frankfurt University of Applied Sciences Fb4, Universität Hildesheim, Eigenmittel
Laufzeit09/2005-12/2006
Veröffentlichungen im Zusammenhang mit diesem ForschungsprojektLotte Rose, Marc Schulz (im Druck 2007): Jugendliche Genderinszenierungen im Jugendhaus. Herausforderungen für die Geschlechterpädagogik. Deutsche Jugend.
Der Abschlussbericht der Studie wird im Herbst 2007 in der Buchreihe des gFFZ  im Ulrike-Helmer-Verlag veröffentlicht.
Diplomarbeiten an der Fachhochschule Frankfurt am Main und der Universität Hildesheim
KontaktProf. Dr. Lotte Rose
Frankfurt University of Applied Sciences
Nibelungenplatz 1
D-60318 Frankfurt am Main
rose@fb4.fra-uas.de
Marc Schulz
informellebildung@web.de