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TitelDer Mediendiskurs zum Missbrauchskandal in Kirche und Pädagogik des Jahres 2010
Namen der ForscherInnenProf. Dr. Michael Behnisch; Prof. Dr. Lotte Rose
Institution, an der die Forschung durchgeführt wurde (Fachhochschule, Fachbereich)Frankfurt University of Applied Sciences, Fb 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
StichworteSexueller Missbrauch, Mediendiskurs
Kurzbeschreibung Vor dem Hintergrund der intensiven Mediendebatte im Frühjahr 2010 zu Missbrauchvorfällen in katholischen und reformpädagogischen Internaten veranstaltete der Fachbereich 4 der Fachhochschule Frankfurt am Main im September eine Fortbildungswoche zum Thema „Grenzverletzungen. Institutionelle Mittäterschaft in Institutionen der Sozialen Arbeit“ in Kooperation mit der Stadt Frankfurt und dem gFFZ. Für diese Veranstaltung wurde eine Expertise zu den damaligen medialen Vorgängen erstellt. Der Fokus war auf die Art und Weise gerichtet, wie über den Missbrauch öffentlich „gesprochen“ wurde - wie also Missbrauch in pädagogischen Einrichtungen überhaupt zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zum Gegenstand einer gesellschaftlichen Skandalisierung wurde. Hierzu wurden Texte aus Massenmedien und Internetmeldungen des Zeitraumes zwischen Januar 2010 und September 2010 diskursanalytisch gesichtet. Leitende Fragen waren:
  • Über was wird öffentlich gesprochen? Was wird auch ausgeblendet? Was wird gebrandmarkt, was nicht?
  • Warum wird der Diskurs gerade jetzt so intensiv geführt? Warum wird der Missbrauch in Kirche und Pädagogik jetzt zum öffentlichen Skandal?
  • Welche Sinnzusammenhänge zum Missbrauch in Institutionen werden erzeugt?
  • Welche praktischen und politischen Wirkungen zeitigt der Diskurs?
  • Welche Themen werden im Missbrauchsskandal noch öffentlich verhandelt?
Folgende Befunde lassen sich zusammenfassen:
  • Die Missbrauchsmeldungen wurden medial als „Bühne“ funktionalisiert, auf der zahlreiche anderweitige gesellschaftliche Konfliktthemen mit oder sogar vor allem verhandelt wurden. Dies ließ letztlich den auslösenden Skandal, nämlich die gewaltförmigen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche sukzessive zur „Nebenbühne“ werden. Zu nennen sind hier: Diskreditierung der konservativen Verhältnisse in der katholischen Kirche und einzelner exponierter Amtsträger, Diskreditierung spezifischer reformpädagogischer Konzepte und exponierter Vertreter, Diskreditierung gesellschaftlicher Eliten und der 68er-Studentenbewegung.
  • Der Mediendiskurs führte den „Jungen“ als Opfer sexueller Übergriffe massiv ein, nachdem in der Vergangenheit Mädchen als Opfer (familialen Missbrauchs) im Zentrum standen. Kontinuität zeigt sich jedoch bei der Täterfigur. Diese bleibt männlich. Missbrauch an Kindern ist weiterhin als exklusiv männliche Tat kontextualisiert. Weibliche Verantwortung wird nicht zum Thema.
  • Sexueller Missbrauch wird diskursiv eng verknüpft mit männlicher Homosexualität und (im Fall der katholischen Kirche) mit dem Sexualitätstabu für Männer. Dies belebt immanent schwelende Vorbehalte gegenüber schwuler Sexualität wie auch naturalisierende Konstrukte zu männlicher Sexualität.
  • Die in den Medien zitierte wissenschaftliche Expertise übergeht durchweg die profilierte feministische Fachlichkeit zum Thema von Frauen und mobilisiert stattdessen allgemeine erziehungswissenschaftliche Akteure. Diese sind bis auf wenige Ausnahmen männlich und zum eigentlichen Thema selbst nicht ausgewiesen. Die Mediendebatte sorgt damit für eine wissenschaftliche und personelle Neuschöpfung und Neubesetzung des Missbrauchthemas.
  • Der institutionelle Missbrauch wird insofern begrenzt und entdramatisiert, als die Zentrierung des Skandals auf renommierte Internate den Blick auf Alltagsinstitutionen der Erziehung, Bildung und Sozialen Arbeit verhindert. Diese sind nur am Rande Thema des Skandals.
Die Expertise bietet zudem eine Chronologie der medialen Vorgänge und Ereignismeldungen und eine umfangreiche Übersicht zu Presse- und Internetmeldungen der Debatte.
Finanzierung, FördermittelFrankfurt University of Applied Sciences
Laufzeit Wintersemester 2010/11
Veröffentlichungen im Zusammenhang mit diesem ForschungsprojektDie Studie wird im Rahmen der Tagungsdokumentation online veröffentlicht (HerausgeberInnen: Ludwig Salgo/Maud Zitelmann). Ein gekürzter Aufsatz für eine sozialpädagogische Fachzeitschrift wird vorbereitet.
Kontakt Prof. Dr. Michael Behnisch
Prof. Dr. Lotte Rose
Frankfurt University of Applied Sciences
Fb 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
Nibelungenplatz 1
D-60318 Frankfurt am Main
behnisch@fb4.fra-uas.de
rose@fb4.fra-uas.de