Detailansicht zum Projekt

TitelStillen als mütterliche Aufgabe. Eine geschlechterkritische Untersuchung institutioneller Praktiken zur Förderung des Stillens
Namen der ForscherInnenDr. Rhea Seehaus,
Prof. Dr. Lotte Rose
Institution, an der die Forschung durchgeführt wurde (Fachhochschule, Fachbereich)Frankfurt University of Applied Sciences,
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
KooperationspartnerDr. Eva Tolasch, Universität Göttingen
StichworteSchwangerschaft, Elternschaft, Stillen, Säuglingsernährung, Ethnografie
Kurzbeschreibung

Technologische, ernährungsmedizinische und Entwicklungen der Lebensmittelindustrie haben längst die materiellen Grundlagen dafür geschaffen, dass das Stillen als Form der Säuglingsernährung heutzutage und historisch erstmalig – zumindest in den Industrieländern – nicht mehr zwingend erforderlich ist. Säuglinge können auch mit künstlicher Babynahrung und ohne Milch der eigenen Mutter sicher gedeihen. Dennoch ist das Stillen in Deutschland weiterhin weit verbreitet, die Stillquote ist nach einem Tiefpunkt in den 1970-er Jahren wieder deutlich angestiegen. Verantwortlich dafür sind soziale Protestbewegungen, aber auch zeitlich nachfolgende intensive und weltweit geführte staatliche Gesundheitskampagnen zur Förderung des Stillens. Diese lassen sich auch immer als Geschlechterpolitik verstehen, als sie ‚unter der Hand‘ die mütterliche Position mitverhandeln. Denn: Je nachdem, wie die Säuglingsernährung normiert und praktiziert wird, transportiert dies spezifische Anforderungen für die Mutter wie es auch das Verhältnis zwischen Vater und Mutter in spezifischer Weise strukturiert. Es liegt demnach die Vermutung nahe, dass das Stillen ein höchst bedeutungsvoller Ort der Reproduktion traditioneller geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen in der Elternschaft ist und einer weitergehenden ethnografischen Erforschung lohnt. Schließlich handelt es sich beim Stillen um eine Säuglingsernährungsweise, die existentiell und unmittelbar an den Körper der Mutter gebunden ist und als – im doppelten Sinn des Wortes – ‚natürlich‘ selbstverständliche und für das Kind beste plausibilisiert wird. Ebenso ‚natürlich‘ erscheint in diesem Kontext, dass der Vater kein Säuglingsernährer sein kann und von daher außerhalb der postnatalen Ernährungsversorgung des Säuglings steht. Vor diesem geschlechterkritischen Hintergrund will das geplante Forschungsprojekt sich den praktischen Vorgängen bei den institutionellen Angeboten zur Säuglingsernährung und zum Stillen widmen. Entsprechende Angebote werden von Kliniken, Gesundheitszentren, Hebammenpraxen, Familien- und Elternbildungszentren gemacht. Anliegen ist, auf der Grundlage ethnografischer Feldforschungen in diesen relevanten ‚sozialen Arenen‘ der Herstellung von Elternschaft die institutionellen Praktiken der normativen ‚Anrufungen‘ zum Stillen zu rekonstruieren.

Die Untersuchungsfragen sind:

  • In welcher Weise wird die Säuglingsernährung von Gesundheits- und Bildungsinstitutionen gegenüber den Eltern normativ gerahmt?
  • Welche Paradigmen werden hierbei aktiviert, welche Methodisierungen und Technologisierungen finden hierbei statt?
  • Wie werden Mütter und Väter im Feld der Säuglingsernährung von den Institutionen praktisch positioniert und zueinander ins Verhältnis gesetzt?
  • Lassen sich Differenzen zwischen verschiedenen institutionellen Akteur_innen ausmachen?
  • Wie positionieren sich Mütter – und Väter – im institutionellen Interaktionsgeschehen zur Säuglingsernährung selbst? An welchen Stellen werden Konflikte sichtbar?
Finanzierung, FördermittelHessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
Laufzeit2015-2016
Kontaktrose@fb4.fra-uas.de, seehaus.r@gffz.de