Fachgeschichte und Fachkultur

Die Mathematik als Wissenschaft gibt es seit mehr als 2.500 Jahren. Sie gilt bis heute als männliche Domäne, was auch damit zusammenhängt, dass jahrelang die Annahme herrschte, dass die Entwicklungsprozesse ausschließlich in den Händen von Männern lagen und auch das Wissen um Mathematik, Männern vorbehalten war. So wurde z.B. in Preußen erst 1908 Mathematik als Unterrichtsfach an höheren Mädchenschulen eingeführt. (Curdes 2007) Durch einen forschenden Blick in die Geschichte kann der große Anteil, den Frauen an mathematischen Erkenntnisgewinnen hatten, sichtbar gemacht werden. Dann werden u.a. die weiblichen Vorbilder sichtbar, die die Fachkultur mit geprägt haben, und können auch für die Mathematikdidaktik herangezogen werden.

Deutlich wird mit einem Blick in die Geschichte außerdem, dass Mathematik auf vielfältige Entwicklungslinien zurückblicken kann. Die Ethnomathematik befasst sich beispielsweise mit Mathematik nichtwestlicher Kulturen und legt einen weiten Mathematikbegriff zu Grunde. Untersucht wird auch implizit mathematisches Handeln, in Handwerk, Kunst, Architektur.

Die Meinungen der Wissenschaftler_innen gehen in Bezug auf die Ethnomathematik auseinander, denn während einige meinen, die Mathematik sei ethnisch entstanden, sehen andere in der Ethnomathematik die Art und Weise einer bestimmten ethnischen Gruppe, Mathematik zu betreiben. Im Gegensatz zu einem universalistischen und teleologischen Verständnis von Mathematik, wird hier mit einem multikulturalistischen Ansatz die jeweilige Ausprägung mathematischer Fähigkeiten von bestimmten Gruppen und deren Entwicklung in den Mittelpunkt gerückt In diesem Feld finden sich Beispiele für Mathematik, die den Horizont jenseits von Formeln an Tafeln weit öffnen und Eurozentrismus entgegen wirken kann.

Zum Weiterlesen:

  • Abiam, P. O., Abonyi, O. S., Ugama, J. O., & Okafor, G. (2015). Effects of Ethnomathematics-based instructional approach on primary school pupils’ achievement in geometry. Journal of Scientific Research & Reports, 9(2), 1-15. doi: 10.9734/JSRR/2016/19079

Aktuell zeigen sich Mathematik, Gesellschaft und auch Geschlecht stark miteinander verwoben. Sichtbar wird dies z.B. in geschlechtlichen Zuschreibungen, die an spezifischen Stereotypen von Mathematik und Geschlecht andocken.

So brachte im Jahr 2013 der Versandhandel Otto folgendes T-Shirt für Kinder auf den Markt.


(Quelle: radiohamburg.de)

Gegen dieses T-Shirt regte sich unmittelbar großer Protest, woraufhin es aus dem Sortiment genommen wurde. Mädchen die Kompetenz in Mathematik abzusprechen, bleibt also keinesfalls unwidersprochen.

In der Lehre der Mathematik kann nun sichtbar gemacht werden, welche wichtigen handelnden Personen hinter mathematischem Erkenntnisgewinn stehen und die historischen Kontexte können erläutert werden. Das macht Studierenden deutlich, dass Mathematik zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen weiter entwickelt wurde und Erkenntnisprozesse eben genau das sind: Prozesse. Historische Kontexte und Prozesse können mit den Studierenden erarbeitet werden. Weibliche Rollenvorbilder und Lebensentwürfe können sichtbar gemacht werden und die Bedeutung auch von Frauen in der jeweiligen Disziplin kann deutlich gemacht werden. So bekommen alle Studierenden die Möglichkeit einer direkten Identifikation mit den Personen in der eigenen Wissenschaft. Die Studierenden bekommen einen Einblick in die Geschichte der Mathematik und darin, dass auch mathematische Konzepte und Theorien eine Entstehungsgeschichte haben und von Menschen in einem bestimmten Kontext entwickelt wurde.

Dies kann z.B. über historische Frauen geschehen, die Anteil an mathematischen Erkenntnisgewinnen hatten. Dann werden Vorbilder sichtbar, die die Fachkultur mit geprägt haben. Und auch der Hinweis auf in der Mathematik tätige Frauen heute, eröffnet den Horizont für mögliche berufliche Wege jenseits des Lehramts.