Gender und Diversity, was ist damit gemeint?

Gender

‚Gender‘ hat sich im deutschen Sprachraum als Fachbegriff für ‚Geschlecht‘ etabliert, weil es nicht nur das biologische Geschlecht in den Blick nimmt, sondern auch die historisch, sozial und kulturell gewordenen und sich ständig verändernden Dimensionen von Geschlecht fokussiert, die in der Genderforschung analysiert werden. Ob ein Mensch als männlich oder weiblich identifiziert wird, entscheidet zum Beispiel darüber, welche Eigenschaften man dieser Person zuschreibt oder was sie sich selbst zutraut. So werden Männer häufiger mit technischer und Frauen eher mit sozialer Kompetenz assoziiert, was unter anderem dazu führt, dass sich viel zu wenig junge Frauen für ein Studium der Natur- oder Ingenieurwissenschaften entscheiden und in vielen sozialen Berufen Männer unterrepräsentiert sind. Kulturell verankerte und historisch gewachsene Prägungen sorgen dafür, dass viele Menschen – und darunter besonders viele Frauen – Technik als fremd und unverständlich empfinden und mitunter sogar eine Technikfeindschaft entwickeln, die sich eine moderne Gesellschaft mit all ihren Herausforderungen nicht leisten kann. Geschlechtszugehörigkeit kann über Lebenschancen entscheiden, wenn männliche Attribute höher gewertet werden als weibliche, oder wenn unterschiedliche Interessen nicht gleichermaßen gewichtet und berücksichtigt werden. Das ist ein Gerechtigkeitsthema, behindert aber auch den Fortschritt und schränkt die Problemlösungskompetenzen von Unternehmen und Gesellschaft ein (vgl. hier).

Diversity

‚Diversity‘ verweist auf die unterschiedlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Interessen und Potentiale von Menschen und bezieht sich dabei auf verschiedene Dimensionen wie Geschlecht, Herkunft, Alter, Behinderung und so weiter. Um diese Dimensionen sichtbar zu machen, wurde das sogenannte Diversity-Rad entwickelt.


Abbildung frei nach Gardenswartz und Rowe: „4 Layers of Diversity“ (Quelle)

 

Gender als eine Dimension von Diversity wird im Rahmen dieser Homepage und der dazu gehörenden Handreichung vorrangig betrachtet. Um Diskriminierungen zu vermeiden, müssen neben Gender aber auch andere Diversitydimensionen in den Blick genommen werden.

Im Zusammenhang mit Diversity wird häufig auf „Diversity Management“ als zugehörigem Methodenbaukasten verwiesen. Dieses gilt als erfolgsversprechende Maßnahme für den Unternehmenserfolg, weil über „entsprechendes Management und Maßnahmen zur Personalentwicklung“ Bedingungen geschaffen werden „unter denen alle Beschäftigten ihre Leistungsfähigkeit und -bereitschaft uneingeschränkt entwickeln können“ (Cordes 2010. Online kostenfrei verfügbar hier). Die Beschäftigung mit Diversityfragen in der Hochschule geht aber über ein betriebswirtschaftliches Verständnis weit hinaus: In diesem Kontext geht es stärker um die Anerkennung von Vielfalt, Chancengleichheit, Nachteilsausgleich und den Versuch, Diskriminierungspotential zu reflektieren und zu verringern sowie antidiskriminierende Strukturen zu entwickeln.

Beispiele:

„Sprechen Sie die Studierenden in großen Lehrveranstaltungen (ab 50 Personen) [mit niedrigem Frauenanteil] nicht einzeln an (‚Guten Morgen, Frau Müller, meine Herren‘), sondern allgemein (‚Hallo zusammen‘, ‚Guten Morgen, meine Damen und Herren‘); einzelne Frauen in der Lehrveranstaltung und alle Studenten werden sonst auf die ,Sonderrolle‘ der einzelnen Teilnehmerin aufmerksam, die ,Sonderrolle‘ setzt sich fort; direkte Ansprache ist auch für schüchterne bzw. nicht muttersprachlich deutsche Studierende ein hoher Stressfaktor.“ (Handlungsempfehlung Elektrotechnik und Informatik).

Eine gender- und diversitygerechte Lehre nimmt die Vielfalt und Verschiedenheit von Studierenden und aber auch Lehrenden wahr, ohne dass sie diese abwertet. Stattdessen bemüht sie sich um den aktiven Abbau von Diskriminierung und Ungleichheit (vgl. hier):

Während in vielen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächern Genderfragen schon auf den ersten Blick plausibel erscheinen und auch in den meisten Curricula auftauchen, ist dies für die MINT-Fächer keineswegs selbstverständlich, gelten doch Technik und Naturwissenschaften als scheinbar ‚neutrale‘, auf Naturgesetzen oder mathematischen Formeln fußende Bereiche. Jedoch ist mittlerweile unbestritten, dass die Lehr- und Studieninhalte in den MINT-Fächern auch Ergebnis kultureller und gesellschaftlicher Prozesse und Entscheidungen sind und diese auch sichtbar gemacht werden sollten. Gender- und Diversityfragen sind im Rahmen der MINT-Fächer sind vor allem in den Bereichen Fachgeschichte und Fachkultur, der Produktentwicklung und Kundenorientierung, der Technikfolgenabschätzung und der Methodologie relevant. Aber auch bei epistemologischen Fragen sowie in der Forschung (z. B. in der Informatik oder im Maschinenbau) können Genderaspekte eine wichtige Rolle spielen.

Zum Weiterlesen:

  • Auferkorte-Michaelis, Nicole; Linde, Frank (Hg.): Diversität lernen und lehren - ein Hochschulbuch. Verlag Barbara Budrich 2018, CC BY-SA 4.0. Hier kostenfrei verfügbar.
  • Cordes, Mechthild: Gleichstellungspolitiken: Von der Frauenförderung zum Gender Mainstreaming. VS Verlag 2010. S. 924-932. S. 929. Hier kostenfrei verfügbar.