Fachgeschichte und Fachkultur

Jede Disziplin lässt sich historisch verorten und es kann reflektiert werden, wie sich  das  hegemoniale Wissenschaftsverständnis des Faches geformt hat, auf welche Bilder, Begriffe und Symboliken es zurückgreift und wie diese geschlechtlich codiert und kulturell bedingt sind.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: In der Geschichte jeder Disziplin gab und gibt es auch Frauen, die zur Weiterentwicklung von Forschung und Entwicklung beigetragen haben. Sie sichtbar zu machen, zeigt Studierenden, dass es nicht vom Geschlecht abhängt, zu welchen Leistungen jemand fähig ist, dass es aber häufig gesellschaftliche oder kulturelle Gründe waren, die die Leistungen von Frauen oder von Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind (z. B. Rassismus) unsichtbar gemacht haben. Für weibliche Studierende können diese Beispiele Role-Models aufzeigen, an denen sie sich orientieren können.

In unseren Beschreibungen der einzelnen Fächer findet sich eine Vielzahl von Beispielen historischer oder noch lebender weiblicher Persönlichkeiten, die in ihren jeweiligen Fachgebieten außergewöhnliche Leistungen vollbracht haben.

Neben biographischen Zugängen bietet auch die Darstellung der Geschichte der Fachdisziplin eine Fülle von Möglichkeiten, auf den beschränkten Zugang von Frauen zu diesem Bereich hinzuweisen und dabei zu verdeutlichen, dass es nicht ‚naturgegeben‘ ist, dass Frauen dort jahrzehntelang unterrepräsentiert waren oder dass es Teil der Formierung der Fachdisziplin oder von Professionalisierungsprozessen war, Frauen auszuschließen und sie auf ein ‚männliches‘“ Erscheinungsbild auszurichten. Tanja Paulitz hat dies in ihrem Buch „Mann und Maschine“ (2012) exemplarisch für den Maschinenbau in den Jahren 1850-1930 nachgewiesen.

Auch für die Bildungs- und Hochschulgeschichte lässt sich dies belegen: So beschloss noch vor der eigentlichen Anerkennung Technischer Hochschulen die Eisenacher Rektorenkonferenz Ende des 19. Jahrhunderts den Ausschluss von Frauen vom Ingenieurstudium – und das, obwohl bereits Frauen, vor allem Lehrerinnen, als Studentinnen und Gasthörerinnen in technischen Lehrveranstaltungen saßen. Mit der Einführung eines Vorpraktikums Anfang des 20. Jahrhunderts (nach der Anerkennung der Technischen Hochschulen und nach der Einführung des Frauenstudiums in Deutschland) wurde die Exklusion von Frauen noch verstärkt, da sie körperlich als zu schwach für praktische Ingenieurtätigkeit galten und dies dem gesellschaftlichen Rollenverständnis der damaligen Zeit auch nicht entsprach.

Mit Ilse Knott-ter Meer wurde 1925 die erste Maschinenbauingenieurin im VDI aufgenommen.

Mit dem „Sputnik-Schock“ 1957 wurde aus bildungsökonomischen Gründen die Politik der Chancengleichheit in der Bildung eingeführt (zur Steigerung des Studierendenanteils insgesamt und in den Ingenieurwissenschaften im Besonderen) und direkt auf die Steigerung der Frauenanteile in Natur- und Ingenieurwissenschaften ausgedehnt (heute sprechen wir von den MINT-Fächern).

Dass die Politik den Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften auch in anderer Richtung beeinflussen kann, zeigt das Beispiel vieler früherer Ostblockstaaten vor 1991, in denen der Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften deutlich höher war als im Westen. Hintergrund war die staatliche Förderung der Berufstätigkeit von Frauen wegen Fachkräftemangels, verbunden mit einem umfassenden System von Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Zum Weiterlesen:

  • Ihsen, Susanne (2013): Zur Professionalisierung des Ingenieurberufs in Deutschland. Technik ist männlich? In: die hochschule, H. 1.
  • Paulitz, Tanja (2012): Mann und Maschine. Eine genealogische Wissenssoziologie des Ingenieurs und der modernen Technikwissenschaften, 1850–1930. Bielefeld.
  • Zachmann, Karin (2004): Mobilisierung der Frauen. Technik, Geschlecht und Kalter Krieg in der DDR. Frankfurt a.M.