Ausgangslage

Maschinenbau gilt als Klassiker der Ingenieurwissenschaften, quasi als Urform aller ingenieurwissenschaftlichen Studienbereiche.

Und er ist auch einer der gefragtesten Studienbereiche – allerdings vor allem für männliche Studierende.

Deshalb ist, trotz langjähriger MINT-Offensive, nach wie vor folgender studentischer Slogan aktuell: „100 Männer, eine Frau, ich studier‘ Maschinenbau...“

Im Studienjahr 2015 entschieden sich 61.247 Studienanfängerinnen und Studienanfänger für ein Studium im Bereich Maschinenbau / Verfahrenstechnik, der Frauenanteil lag allerdings nur bei 21,2%. Und er stagniert seit vielen Jahren weitgehend: Seit der Jahrtausendwende hat er sich um nicht mehr als knapp 3% erhöht.


(Quelle: Kompetenzzentrum Technik - Diversity - Chancengleichheit, destatis 2016)

Diese Zahlen gelten für den gesamten Studienbereich Maschinenbau / Verfahrenstechnik. Nimmt man nur diejenigen Studierenden in den Blick, die ein Maschinenbaustudium im engen Sinn gewählt haben, so sehen die Zahlen noch ernüchternder aus und bewegen sich lediglich im einstelligen Bereich: An den hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) z.B. betrug im WS 2016/17 der Frauenanteil im Maschinenbau-Bachelorstudium bei den Studienanfänger*innen lediglich 9,4% und bei den Studierenden sogar nur 7,7% (mit leicht sinkender Tendenz); im Masterstudium waren es 9,8% der Studierenden und 6,4% der Studienanfänger*innen. Damit war der Maschinenbau derjenige Bereich mit den wenigsten Frauen und löste die Elektro- und Informationstechnik als Schlusslicht ab (vgl. hier).

Dementsprechend gering ist denn auch die Zahl der Absolventinnen im Maschinenbau: In den letzten zehn Jahren haben an allen hessischen HAWs zusammen nicht mehr als 213 Studentinnen ihren Bachelor im Maschinenbau gemacht – im Gegensatz zu 2.461 Männern. Mit einem Master haben nur 92 Studentinnen – im Gegensatz zu 846 Männern – ihr Studium abgeschlossen (vgl. hier). Bundesweit lag der Anteil der Absolventinnen mit erstem Studienfach Maschinenbau/-wesen 2016 bei 10% (vgl. hier).

Im gesamten Studienbereich Maschinenbau / Verfahrenstechnik stellt sich die Situation einerseits etwas besser dar: Hier war 2016 der Anteil der Absolventinnen mit 19,4% fast doppelt so hoch – andererseits stagniert er jedoch seit etwa zehn Jahren auf diesem Niveau (vgl. hier).


(Quelle: Kompetenzzentrum Technik - Diversity - Chancengleichheit, destatis 2016)

Die Erklärungsansätze für die Unterrepräsentanz von Frauen sind vielfältig: Fehlende personale und strukturelle Ressourcen wie sozialisationsbedingte geringe technische und mathematische Selbstkompetenz und mangelnde Selbstwirksamkeitserwartung, die kulturbedingte scheinbare Unvereinbarkeit technisch-mathematischer Kompetenz mit Weiblichkeit, die Sorge, in einem von Männern dominierten Umfeld arbeiten zu müssen, das mit Familie unvereinbar ist, fehlende Rollenvorbilder und unzureichende Kenntnisse des Berufsfeldes werden in der Forschungsliteratur als Gründe genannt. Sie führen dazu, dass wenige Frauen ein Studium im Studienbereich Maschinenbau / Verfahrenstechnik aufnehmen.

Ein Weg, den Frauenanteil in diesem Studienbereich erhöhen zu können, wird deutlich, wenn man die verschiedenen Studiengänge dieses Bereichs genauer in den Blick nimmt. Dann zeigt sich nämlich, dass die Frauenanteile je nach Ausrichtung der einzelnen Studiengänge deutlich variieren: Dort wo die Studiengänge interdisziplinärer ausgerichtet sind und/oder umwelt- wie gesellschaftspolitische Aspekte einbeziehen, ist der Anteil der Studentinnen deutlich höher als im ‚reinen‘ Maschinenbau. Dies sei am Beispiel einiger Studiengänge der hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften aufgezeigt: Während im ‚reinen‘ Maschinenbau der Frauenanteil unter den BA-Studierenden zwischen 0% und 5,8% schwankt, beträgt er im Studiengang Material- und Produktentwicklung (Frankfurt UAS) 20,8%; im Studiengang Produktentwicklung und Technisches Design (Frankfurt UAS) 34,4% oder im Studiengang Kunststofftechnik (H Darmstadt) 18,4% (vgl. hier). Ein interessantes Beispiel ist auch der Studiengang Verfahrenstechnik (Frankfurt UAS), der nach seiner Umstrukturierung 2006 in Bioverfahrenstechnik umbenannt wurde: Während der Frauenanteil im alten Studiengang Verfahrenstechnik bei 15,9% lag, ist das Geschlechterverhältnis nach der inhaltlichen Neuausrichtung und Umbenennung im Studiengang Bioverfahrenstechnik mittlerweile fast ausgeglichen (Frauenanteil im WS 2015/16: 47%) (Göttert/Schüller 2009: 95f. Und: hier).

Diese Erfolgsgeschichte einiger Studiengänge zeigt auf, dass es eine Möglichkeit darstellt, Studiengänge für alle Geschlechter attraktiv zu machen, wenn zukunftsweisende und interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsansätze in die Lehre integriert werden. Denn es ist bekannt, dass junge Frauen mit einem deutlich breiter aufgestellten fachlichen Interesse in MINT-Studiengänge gehen als viele junge Männer. Sie entscheiden sich eher für Studiengänge, die als „Bindestrich-Technologien“ (Pfenning 2012: 11) bezeichnet werden können und eine Verknüpfung zwischen Technik und anderen gesellschaftlich relevanten Fragen herstellen wie Ökologie, Naturwissenschaften, Wirtschaft (vgl. Schüller/Braukmann/Göttert 2016: 69-75). Dies gilt es, insbesondere bei der Neukonzeption von Studiengängen zu berücksichtigen, die möglichst interdisziplinär ausgerichtet sein sollten, ist aber auch in der Lehre bestehender Studiengänge zu beachten. Dabei sollten Themen wie Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Relevanz, Mensch und Umwelt, Technikfolgenabschätzung in die Lehrveranstaltungen eingebunden werden.

Erkenntnisse der Genderforschung in die Lehre zu integrieren, kann dazu beitragen, einen kritischen Blick auf die eigene Fachkultur zu werfen, die das Bild eines männerdominierten Faches zeigt, das viele Frauen (und auch einige Männer) nicht anspricht. Dies kann geschehen durch: die Sensibilisierung von Lehrenden und Studierenden für Diversität untereinander und im Hinblick auf die Anwender*innen ihrer Produkte; die Erweiterung der Lehrinhalte, insbesondere die Bezugnahme auf gesellschaftliche und politische Fragestellungen sowie durch inter- und transdisziplinäre Bezüge, die das Fach interessanter und anwendungsbezogener machen und die die vielfältigen Interessen von Studierenden besser berücksichtigen; sowie durch die Weiterentwicklung gender- und diversitysensibler Lehrmethoden, die möglichst viele Studierende mitnehmen und sie zu besseren Leistungen befähigen.

Unter den Rubriken Fachgeschichte und Fachkulturen;Forschung und Entwicklung sowie Lehr-Lern-Setting haben wir geeignete Materialien sowie Hinweise für Methoden und im Folgenden konkrete Beispiele und Vorschläge für die Lehre im Studienbereich Maschinenbau / Verfahrenstechnik systematisch zusammengefasst und kommentiert, um Lehrenden den Einstieg in das Thema zu erleichtern und die Anwendbarkeit der empfohlenen Themen und Methoden zu erleichtern.