Didaktik der Mathematik

Damit Fachkulturen sich von Grund auf verändern können, muss bereits die Didaktik in der Schule einen Veränderungsprozess durchlaufen. Aber auch an Hochschulen kann gender- und diversitätsbewusst gelehrt werden. Um dies zu erreichen, ist vor allem hilfreich, wenn sich Mathematikunterricht durch methodische Vielfalt auszeichnet. Im Folgenden finden sich einige Beispiele dafür. Geschlechtsspezifische Unterschiede im Verhältnis zur Mathematik werden heute unter anderem auf Geschlechterrollenklischees in Schulbüchern, Stereotypisierung der Mathematik als männliche Domäne und ganz bestimmten Erwartungen und Einstellungen von Peergroup, Eltern und Lehrpersonen zurückgeführt. Außerdem spielen hierbei auch  Interaktionsmuster im Mathematikunterricht (vgl. Blunck / Pieper-Blunck 2008: 823 ) eine Rolle. Deshalb geht es im Folgenden darum, wie diese verändert werden können.

Hinweise für Gender im Curriculum der Mathematik

In einem Podcast zum Thema „Gender und Mathematik“  wird gefragt, wie eine Mathematik aussehen könnte, die das Potential unterschiedlicher Menschen einbezieht. Darin geht es auch darum, wie Frauen in der Mathematikgeschichte dargestellt werden und wie sie exkludiert werden. Welche didaktischen Ansätze sind geeignet, mehr Menschen zur Mathematik einzuladen? In einem ausführlichen Gespräch setzen sich Anina Mischau (leitet im Fachbereich Mathematik und Informatik der FU Berlin die Arbeitsgruppe Gender Studies in der Mathematik, dies ist die einzige derartige Stelle in Deutschland) und Mechthild Koreuber (zentrale Frauenbeauftragte der FU Berlin, die eine mathematikgeschichtliche Dissertation über Emmy Noether verfasst hat) mit Gudrun Thäter (vom Podcast "Modellansatz" des Karlsruher Instituts für Technologie) mit Aufgaben in Forschung und Lehre bezüglich Gendersensibilität in diesem Podcast auseinander. Auf der Webseite finden sich neben dem Podcast weiterführende Hinweise mit Literatur und noch mehr spannenden Podcasts.
Mischau und Koreuber berichten davon, wie augenfällig es war, fast nur von Männern unterrichtet zu werden und auch nur wenigen Frauen im Studium zu begegnen. Eine der Möglichkeiten, die Fachkultur mit zu verändern, ist das Aufzeigen der Arbeit von Frauen an mathematischen Erkenntnissen und wie sie die Mathematik hierdurch mitgestaltet haben.
Ein Beispiel, über das sie länger sprechen, ist Emmy Noether.

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Im Podcast sprechen sie über die Fachkultur, wobei die Mathematik (wie die anderen MINT-Fächer auch) einer akademischen Kultur unterliegt, die insgesamt noch nicht besonders frauenfreundlich ist. Sie ist weiterhin männlich geprägt und dies leitet die Vorstellung, wer Mathematik macht und wer nicht. Dabei geht es auch um Unterrichtsformen und deren mögliche Veränderungen, weg vom Frontalunterricht zum Beispiel. Auch über wissenschaftliche Rekrutierung und wie diese funktioniert, tauschen sie sich aus.

Zum Weiterlesen:

  • Mischau, Anina; Martinović, Sascha (2017): Mathematics Deconstructed?! Möglichkeiten und Grenzen einer dekonstruktivistischen Perspektive im Schulfach Mathematik am Beispiel von Schulbüchern. In: Nadine Balzter, Florian Cristobal Klenk und Olga Zitzelsberger (Hg.): Queering MINT. Impulse für eine dekonstruktive Lehrer_innenbildung. 1. Auflage. Opladen, Berlin: Barbara Budrich, S. 89–108.

  • Blunck, Andrea; Pieper-Seier, Irene (2010): Mathematik: Genderforschung auf schwierigem Terrain. In: Ruth Becker und Beate Kortendiek (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3. erweiterte und durchgesehene Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (Geschlecht und Gesellschaft, 35), S. 820–828.

Zum Weiterhören (Podcasts):

Anliegen in Bezug auf Geschlecht sind die Analyse der Darstellungsweisen in Schulbüchern sowie die Möglichkeiten und Grenzen einer dekonstruktivistischen Perspektive im Schulfach Mathematik, die auch Erkenntnisse für die Lehre an Hochschulen liefern. Stereotypisierte Darstellungen in Bildern und Texten in Bezug auf Geschlecht sind darin immer noch zu finden (Mischau/Martinović 2017). Ein Unterrichtsbeispiel für die Lehrer*innenbildung, das helfen soll, die Didaktik der Mathematik anders zu gestalten, wird hier kurz vorgestellt. Diese Lehrmethode macht außerdem ein problemorientiertes Lernen möglich, dass Studierende befähigt, sich mathematische Verfahren und Begriffe selbstständig zu erschließen und dabei einen stark versprachlichten Anteil mit visuellen Beispielen in die Lehre der Mathematik zu implementieren (Curdes 2007). Ausführlicher findet sich das Beispiel hier.

Bei dieser Aufgabe wird in Gruppen gearbeitet und neben der Berechnung von Flächen gleichzeitig auch Geschlecht reflektiert. Gearbeitet wird mit einem sogenannten Placemat.

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Die Aufgabenstellung ist: „Welche Fläche wischt ein Mann in seinem Leben?“ Dabei werden Geschlechterrollen mathematisch betrachtet und die Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden Schulen in der Jahrgangsstufe 7/8. Die Vorkenntnisse, die hierbei eingebracht werden, sind Flächenberechnung, evtl. Prozentrechnung. Als ein Beispiel kann eine solche geschlechtersensible Didaktik auch in die Lehre der Hochschulen übertragen werden.

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Als zweiten Arbeitsschritt schauen sich die Schülerinnen und Schüler die Überlegungen der anderen an, um dann gemeinsam einen Lösungsweg im Feld in der Mitte des Plakats zu skizzieren und im Anschluss berechnen sie auf dieser Grundlage Schritt für Schritt die Fläche. Diese Lösung wird dann der ganzen Lerngruppe, in diesem Fall einer Schulklasse präsentiert.

Zum Weiterlesen:

  • Curdes, Beate (2007): Genderbewusste Mathematikdidaktik. In: Beate Curdes, Sabine Marx, Ulrike Schleier und Heike Wiesner (Hg.): Gender lehren - Gender lernen in der Hochschule. Konzepte und Praxisberichte. Oldenburg: BIS-Verl. der Carl-von-Ossietzky-Universität (Oldenburger Beiträge zur Geschlechterforschung, 6), S. 99–125.
    Im Volltext hier herunterladbar. Eine Rezension finden Sie hier.
     
  • Mischau, Anina; Bohnet, Kati; Martinović, Sascha (2016): Bodenwischen, Datenanalyse, Frauengeschichte und Mathematik. In: Marita Kampshoff und Claudia Wiepcke (Hg.): Vielfalt geschlechtergerechten Unterrichts. Ideen und konkrete Umsetzungsbeispiele für die Sekundarstufen. 1. Auflage. Berlin: Neopubli, S. 37–79.
  • Auf dem Gender-Portal der Universität Duisburg Essen finden sich gesammelte Informationen zu Genderaspekten in der Mathematik: Fächerbeispiel Mathematik.
  • In den Gender-Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW finden sich ebenfalls fachspezifische Hinweise und eine Liste mit Exptertinnen.